Leseprobe “Die Gruft”

Guten Abend, meine Damen und Herren!

Heute präsentiere ich Ihnen meine erste Leseprobe zu meinem neuen Buch “Kurzgeschichten aus Nuun“! Ich wünsche eine gute Unterhaltung!

Die Gruft

„Noch
ein Hofbräu?”
„Nee, lass mal, Jurik! Was schulde ich
dir?”
„Macht zwei Solid und eine Essensmarke!”
Samuel gab
dem Wirt, wonach er verlangte, und rieb sich über die dünnen Linien
seines Bartes.
Zwei Solid. Das war alles, was Gildenmeister Abel
ihm für den abgelieferten Plunder gezahlt hatte. Die Krönung seines
heutigen Raubzuges war ein dreckiger Silberbecher. Abels
Gesichtsausdruck hatte Bände gesprochen, und Samuel wunderte sich,
dass er überhaupt nach seinem Notizblock gegriffen hatte, um ihn
auszuzahlen.Jetzt saß er an der Bar im „Güldenen
Dietrich”, der Taverne, die zu dem unterirdischen Komplex der Gilde
gehörte. Jurik verdiente nicht schlecht. Hier wurden manche ihre
Solid schneller los als eine unachtsame Dame ihre Handtasche im
Gedränge des Wochenmarktes. Alkohol war immer noch der beste Dieb.
Er stahl einem nicht nur das Geld, sondern auch die Sinne.
Passend
zu diesem Gedanken bestellten zwei Taugenichtse hinter ihm laut
grölend ihr neuntes Bier.
Samuel bildete mit seiner schlechten
Laune den Gegenpol.
Hier unten zu leben, nachts auf Raubzug zu
gehen und am Ende wieder nichts in der Tasche zu haben, hatte er
allmählich satt.
Wie oft er nur aufgrund seiner Stauballergie
flüchten musste, konnte er schon nicht mehr zählen. Die Leute
machten ihre Wohnungen einfach nicht mehr richtig sauber.
Durch
den dicken Zigarrenqualm hindurch sah er, wie sich die Tür der
Taverne öffnete. Tabea und Rupert traten herein und grüßten den
Wirt sowie weitere Diebe neben dem Eingang. Sie waren das
Musterbeispiel dafür, das man als Dieb auch erfolgreich sein konnte.
Samuel hasste die beiden.
Tabea ging an den Stühlen vorbei,
stellte sich neben ihn an die Bar und bestellte zwei Flaschen
Patzara-Wein, von dem eine allein hundertzwanzig Solid kostete. Ihre
roten Haare dufteten lieblich nach Rosen.
Samuel schaute starr in
die Gläserreihe, die im Regal hinter der Bar stand, und ärgerte
sich, dass er nicht schon gegangen war.
„Na, Samuel? Fertig mit
Bügeln?”
Sie lachte ihn aus, nahm ihre beiden Flaschen und ließ
drei Hundertsolidscheine auf dem Tresen liegen. Während Jurik die
Scheine griff, ging sie zurück zu Rupert und den anderen.
Seitdem
bekannt geworden war, dass er für den alten Beringer die Hausarbeit
erledigen musste, war er das Gespött der Gilde. Wie konnte er auch
ahnen, dass der alte Mann seine Masche kannte.
Er hatte sich als
Freund seines Enkels ausgegeben, der Geld für ihn holen sollte,
damit die Armee von Hofstein ihn freilassen würde. Der alte Herr
hatte ihn hereingebeten und unbemerkt hinter ihm die Tür
abgesperrt.
Als er ihm sagte, das Geld würde im Schrank hinter
ihm liegen, erblickte Samuel nur ein altes Bügeleisen. Er dachte
schon, der Mann sei verrückt oder nicht mehr ganz bei Sinnen. Dann
hatte er plötzlich eine Pistole im Nacken und wurde gezwungen,
Unterhosen zu bügeln. Und nicht nur das! Er sollte auch die Wochen
darauf jeden Tag vorbeikommen, sonst würde der alte Mann die
Stadtwache alarmieren.
Jetzt waren Samuels Hände aufgequollen vom
Abwasch, den er vor einer Stunde erledigt hatte. Oft dachte er daran,
den alten Beringer zu töten, ihm einfach die Kehle zuzudrücken und
ihn zu vergraben. Aber er konnte es nicht. Er erinnerte ihn an seine
alte Mutter.Samuel ertrug das laute
Gelächter von Tabea nicht mehr, das von der Tür aus in seine Ohren
drang. Er verließ seinen Hocker und wollte gerade stur vor sich
blickend die Taverne verlassen, als er merkte, dass seine Blase
drückte.

Vorbei an Zigarettenautomaten und Leuten, die sich
lauthals unterhielten, ging er in den weiß gefliesten Raum und
suchte sich eine der Holzkabinen aus.
Er war nicht nur ein
schlechter Dieb, er war auch noch Sitzpinkler.
Auf der Kloschüssel
sitzend verrichtete er sein Geschäft und legte dabei das Gesicht in
die Hände.
Gerade als er wieder aufstehen wollte, hörte er, wie
draußen die Tür aufsprang. Zwei Männer kamen herein und stellten
sich an die kupfernen Pissoirs.
„Und, was kannst du mir
anbieten?”
„Du weißt, dass mich das meinen Job kosten könnte,
also hätte ich gerne eine gewisse Sicherheit bei der ganzen
Sache!”
Leises, metallenes Plätschern erfüllte den
Raum.
Samuel versuchte, unter der Kabine hindurch die Schuhe der
Männer zu erkennen, aber sie standen zu weit weg.
„Wären
zweitausend Solid genug Sicherheit?”
Kurz war es still, und man
hörte gedämpft die grölenden Menschen aus der Taverne.
Samuel
wartete und gab sich Mühe, keinen Mucks zu machen.
„Das klingt
gut!”
„Schön!”
Langsam nahm das leise Plätschern ab,
und das Geräusch einer Gürtelschnalle erklang sowie von Schritten
auf den abgenutzten Fliesen.
„Dort, wo der Tarus vom Meer aus
gesehen das erste Mal auf den Wald trifft, musst du ungefähr fünfzig
Meter weiter nach Süden gehen. Der Eingang der Gruft wird von zwei
großen Steinsäulen eingerahmt, die in den schwarzen Felsen
eingelassen sind.”
Samuel spürte, wie sich etwas in seinem Darm
regte. Das Gulasch, für das er eine Essensmarke gelassen hatte,
meldete sich wieder.
„Und ihr wart noch nicht dort drin?”
„Nein,
unser Trupp musste weiterziehen nach Hellmark. Der General erlaubte
nur zehn Minuten Pause. Was glaubst du, dort zu finden?”
Samuel
kniff den Po zusammen. Ein laues Lüftchen wollte seinem Hinterteil
entweichen.
„Vampire geben immer reichlich Schmuck in ihre
Särge!”
„Ist das nicht zu gefährlich?”
Einer der Männer
lachte, und Samuel erkannte, dass es Rupert war, der da gerade den
nächsten Raubzug organisierte.
Der Druck wurde immer stärker,
sodass Samuel anfing, ein Stoßgebet gen Himmel zu schicken.
„Ja,
es ist gefährlich! Aber wir nehmen lieber diese Gefahr auf uns, als
wochenlang in die Wohnungen alter Frauen einzusteigen, die höchstens
ein paar Solid unter ihrer Matratze verstecken. Kein Risiko, kein
Hauptgewinn!”
Samuel biss die Zähne fester zusammen und hörte
das dumpfe Klingen von Münzen.
„Na, die werde ich bestimmt
nicht unter mein Kopfkissen stecken!”
Beide verließen lachend
den Toilettenraum.
In dem Moment, als die Tür ins Schloss fiel,
entwich Samuel ein langgezogener Darmwind.
Er atmete stoßartig
aus und dachte an ihre Worte.
Was hatten Rupert und Tabea vor? In
eine Vampirgruft steigen? Und wer war dieser andere Typ aus der
Armee? Solche Tipps an Diebe weiterzugeben war bestimmt nicht
erlaubt.
Samuel beendete seine Grübeleien.
„In die Wohnungen
alter Frauen steigen”, murmelte er vor sich hin und dachte an seine
Mutter, die ein Wohnzimmerfenster hatte, das ungünstig zu einer
dunklen Gasse hin lag.

„Ja, was möchten Sie?”
Auf
einen Stock gestützt schaute sie durch eine kleine, runde Brille
nach oben und kniff die Augen zusammen.
„Mutter, ich bin’s,
Samuel!”
„Samuel? Ach ja, Samuel! Komm rein, mein Junge, ich
habe dir eine Suppe gekocht, die dir bestimmt gut schmecken
wird!”
Sie verschwand um die Ecke des Flures. Die Suppe, die er
häufiger bekam, bestand aus kaltem Wasser, das sie auf ihrem
kaputten Herd stehen hatte. Er fragte sich jeden Tag, wann sie sein
Gesicht endgültig vergessen würde.
Ohne zu zögern marschierte
er durch den Flur ins Wohnzimmer, um nach dem Fenster zu schauen. Er
schob es nach oben und untersuchte die Ränder des Fensterladens und
des Holzrahmens. Eindeutige Spuren waren zu erkennen.
„Verdammt!”,
zischte er.
Er schloss das Fenster und ging ins Schlafzimmer, wo
er feststellen musste, dass die ersparten Solid nicht mehr unter der
Matratze waren.
Was ist das für eine Gilde, die sich gegenseitig
bestahl? Jeder Dieb musste sich vor einem Einbruch informieren, wer
in dem Haus lebte. Dafür hatte er diese Adresse bei der Aufnahme in
die Gilde schließlich angegeben.
Sauer verließ er das
Schlafzimmer und bekam von seiner Mutter einen Teller in die Hand
gedrückt.
„Hier, mein Junge, iss!”
Er setzte sich an den
kleinen Tisch im Wohnzimmer und betrachtete den leise knisternden
Kamin.
Während sich die alte Dame in ihrem Schaukelstuhl
niederließ, fing er an, das kalte Wasser auszulöffeln. Wie jedes
Mal.
„Schmeckt sehr gut, danke, Mutter!”
Sie lächelte ihn
zufrieden an.
Auch wenn sie vergesslich war und ihre Suppe nicht
mehr von Wasser unterscheiden konnte, war sie dennoch in der Lage,
ihren Alltag selbst zu meistern. Die Stube war stets sauber und
aufgeräumt. Kein Grund, das Hilfsamt zu informieren.
Samuel
stellte sich vor, wie Rupert hier einstieg und die hart gesparten
Solid einfach so an sich riss.
Skrupellosigkeit war ebenso eine
Eigenschaft, die ihm fehlte, um ein wirklich guter Dieb zu sein.
Seine Mutter schaute ihm weiter lächelnd dabei zu, wie er ihre Suppe
aß.
„Wie läuft es in der Fabrik, mein Junge?”
Ihr Grinsen
verdreifachte sich durch die Falten in ihren Mundwinkeln.
„Gut,
Mutter. Viel Arbeit und jede Menge Metall! Nicht sehr aufregend!”
Sie
nickte sanft und schaute verträumt im Raum umher, während sich ihr
Kiefer immer wieder auf und ab bewegte, als würde sie etwas
kauen.
„Mein Sohn, ich habe noch eine Bitte an dich! Siehst du
das Regal dort?”
Sie zeigte auf ihr Bücherregal, das
auseinanderplatzte vor Papier. Die Bücher standen in allen Farben
und Formen in fünf breiten Fächern und mussten selbst wiederum auch
nochmal Bücher quer über sich tragen. Es war ein Wunder, dass das
morsche Holz nicht schon unter der Last nachgegeben hatte.
„Jedes
einzelne Buch dort habe ich gelesen. Kannst du mir ein neues
besorgen?”
Sie wippte mit dem Schaukelstuhl hin und her.
Er
ärgerte sich darüber, dass er die zwei Solid von letzter Nacht
versoffen hatte, und legte den Löffel in den leeren
Suppenteller.
„Ja, Mutter, ich werde dir ein neues Buch
besorgen!”
Auf seinem nächsten Beutezug könnte er eins
mitgehen lassen.
„Weißt du, mein Kind, ein Buch ist wie das
Leben selbst. Dummköpfe blättern es schnell durch, aber ein kluger
Mensch liest jede Zeile mit Bedacht!”
Er setzte sich ihr
gegenüber aufs Sofa und streichelte sanft über ihre zarte
Hand.
„Bücher sind die wahren Schätze, mein Kind!”, sagte
sie und lächelte ihn an.
„Dein Vater wird sich freuen, dass du
hier bist! Geh ihn suchen!”
Er brauchte ihn nicht zu suchen, da
er wusste, wo er lag.
Vor 21 Jahren hatte er den Tod gefunden, als
die Vampire Hofstein angegriffen hatten und erst durch eine
Verstärkung aus Hellmark zurückgedrängt werden konnten. Samuel
hatte vage Erinnerungen an die Tumulte und die Unruhen. Seine Mutter
hatte sich damals mit ihm in dem großen Keller des Brauhauses
verbarrikadiert, bis Soldaten sie befreien konnten.
Während er zu
seinem Suppenteller starrte und ihre Hand streichelte, nickte sie
ein. Leise pfiff ihr Atem über die schmalen Lippen.

Als er
still die Haustür hinter sich zuzog und die hölzernen Stufen nach
unten ging, kam ihm Herr Guntro entgegen.
Samuel stöhnte
innerlich auf. In den letzten Wochen hatte er ihm geschickt aus dem
Weg gehen können.
„Gut, dass ich Sie antreffe!”
Herr
Guntro zeigte mit seinem Gehstock, dessen goldener Knauf beim
Pfandhändler genug Solid einbringen würde, um Samuel und seine
Mutter für vier Monate zu ernähren, auf ihn.
„Ich habe keine
Lust mehr auf Ihre Spielchen! Sie haben mir jetzt drei Mal
versichert, mir die Mieten zu bringen, und ich warte immer noch
darauf!”
Guntros Monokel tanzte auf und ab, während seine Augen
vor Verärgerung glühten.
„Sparen Sie sich die Aufregung, ich
habe das Geld!”
„Ach, und wo ist es?”
„In meinem
Kontrollraum in der Fabrik! Ich habe meinen Lohn gestern erhalten,
also kann ich Ihnen das Geld demnächst vorbeibringen!”
„Demnächst
heißt wann?”
„Das kann ich nicht sagen, weil meine Schichten
im Moment unterschiedlich ausfallen. Glauben Sie mir, ich bringe es
Ihnen vorbei!”
Wieder hob Guntro seinen Gehstock und fuchtelte
damit bedrohlich nahe vor Samuels Nase herum.
„Verkaufen Sie
mich nicht für dumm, hören Sie? Bis nächste Woche habe ich das
Geld, sonst sitzt Ihre Mutter auf der Straße!”
Mit einem
giftigen Blick stolzierte er schnurrbartzupfend an ihm vorbei.
Samuel
konnte diesen geldgierigen Aasgeier nicht ausstehen.
Er dachte
zurück an das Gespräch zwischen Rupert und dem Unbekannten auf der
Toilette.
„Kein Risiko, kein Hauptgewinn!”, sagte er leise zu
sich und seufzte. Wenn es diese Gruft wirklich gab und sie ihn
verschlingen würde, wäre seine Mutter nicht nur obdachlos, sondern
auch alleine. Er faltete seine Hände über dem Kopf zusammen, als
würde er den gütigen Allvater um ein Wunder bitten. Dann ging er
mit zügigen Schritten in Richtung der alten
Abwasserkanäle.

Normalerweise war der Zutritt erst in der
Nacht gestattet, und jetzt war es früher Abend. Erst, als er Aluk
seine gesamten Essensmarken übergab, ließ dieser ihn in die
Ausrüstungskammer. Samuel war sauer.
Er stand in dem kleinen
Raum und schaute sich um. Was könnte man für solch ein wahnsinniges
Vorhaben gebrauchen? Er schnallte sich eine kleine Armbrust auf den
Rücken, die er in einer mit Staub bedeckten Kiste fand. Einen
passenden Köcher mit Bolzen befestigte er an seinem Gürtel. Seine
Kleidung wollte er auch wechseln. Er rechnete damit, auf Vampire zu
treffen, und im Kampf mit diesen Kreaturen war es wichtig, so wenig
Haut wie möglich zu zeigen. Daher zog er sich Handschuhe und ein
stärkeres Hemd an, dessen Kragen er hochklappte. Zur Sicherheit band
er sich noch ein rotes Tuch um den Hals. Festere Stiefel brauchte er
ebenso wie eine Lampe, die er praktischerweise neben dem Köcher am
Gürtel befestigen konnte. Um den Unterarm schnallte er sich ein
Lederband, in dem sich verschiedene Dietriche befanden. Falls es in
der Gruft so etwas wie Schlösser gab, war er vorbereitet.
Um
überhaupt erst den Weg in die Gruft zu finden, griff er nach dem
alten, rostigen Kompass, den er hinter einer Spinnwebe fand.
Eilig
schnappte er sich noch einen alten Rucksack. Darin würde er die
ganzen Schätze transportieren, wenn er denn welche finden würde.
Für seine Pistole konnte er noch einige Silberkugeln
zusammenklauben, fand aber keinen Kletterhaken.
„Tabea hat den
letzten vor ungefähr einer Stunde mitgenommen!”, sagte
Aluk.
Samuel hatte gehofft, dass sie und Rupert frühestens morgen
zur Gruft reiten würden.
„Musste sie auch all ihre Essensmarken
dafür rausrücken?”, fragte Samuel, schmiss die Tür der
Ausrüstungskammer mit voller Wucht hinter sich zu und kletterte nach
oben.

Als er wieder unter freiem Himmel war, stahl er ein
Marsal, das einsam in einem der Ställe am Stadttor Heu futterte. Die
Wache, die kurz vorher noch munter ihre Runde gemacht hatte,
schlummerte nach einem gezielten Schlag sanft hinter einem dicken
Strohballen. Samuel war stolz darauf, mit welcher
Selbstverständlichkeit er das zustande gebracht hatte.

Die
beiden Monde waren fast vollständig verschwunden und schickten nur
noch dämmriges Licht über den Horizont, als er an die Stelle kam,
an der der Tarus in den Wald strömte.
Samuel stieg vom Marsal und
band es an den erstbesten Baum.
Links von sich sah er zwei
weitere auf der Wiese grasen. Tabea und Ruperts Vorsprung war
enorm.
Ob er auch etwas von den Schätzen abbekommen würde? Wie
die beiden wohl reagierten, wenn er auf einmal vor ihnen auftauchte?

Ende der Leseprobe!Weitere Leseproben:
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